Sturm auf dem Gipfel – Spanien Spontan #3

**REVIEW**

Maike hinter mir kommt kaum noch ein Stück weiter und auch mir fällt es immer schwerer gegen den Wind anzukämpfen. Aber immerhin erreiche ich die Kuppe des Berges. Noch etwa 5 Meter.

 

Plötzlich spüre ich etwas, ohne dass ich beschreiben könnte was es ist. Eine Art Vorahnung, die mich innehalten lässt. Eine kurze Windpause…als hätte jemand bei einem spannenden Film mitten im Finale auf Pause gedrückt… ich schaue auf… hole kurz Luft.

Und schon den Bruchteil einer Sekunde später drückt der Berg wieder auf Play.

PLAY...PLAY…

Ein enormer Windstoß reißt mich von den Füßen und ich knalle mit voller Wucht auf die Seite. Mein Ellenbogen schmerzt höllisch, der Rücken schreit laut „Danke, du Arsch!“ … und trotzdem schaue ich mich kurz um.

Schön hier.

Trotz des Sturms kann ich die umliegenden Berge sehen. Eine gewaltige Landschaft voller zerklüfteter Felsen, Eis und Schnee. Weit im Hintergrund sehe ich Täler und steil unter mir, weit unterhalb der Schneegrenze sehe ich sogar kleine kristallklare Seen.

Moment mal… unter mir??

Schlagartig bemerke ich, wie mich der Wind über die Eisfläche auf die Nordwand des Berges zuweht. Nicht mit mir!
Etwas benommen versuche ich aufzustehen, aber nun hat uns der Sturm voll im Griff. Der Wind kommt von allen Seiten und ich habe keine Ahnung von wo ich die nächste Attacke erwarten soll. Maike hinter mir ergeht es nicht besser. Wir beide verzerren vor Schmerzen die Gesichter, dazu fühlt es sich an als wollten die aufwirbelnden Eiskristalle unsere Gesichter zerfetzen. Meine Mütze wird mir vom Kopf gerissen und geistesgegenwärtig greife ich ihr hinterher. Dabei gerät der aufgehäufte Steinhaufen wieder in mein Blickfeld. Ach, da war doch was. Da ich gerade wirklich nicht weiter weiß, robbe ich wie ein Soldat unter Beschuss auf den Haufen zu und hoffe, vor-neben-hinter ihm ein wenig Schutz vor dem Wind zu haben. Im Gegenteil. Nun kommt der Wind wirklich aus jeder Richtung und kurz verliere ich dadurch die Orientierung. Nur wenige Zentimeter trennen mich von der nördlichen Felskante. Die Nordwand des Alcazaba ist verdammt steil und sieht nicht gerade einladend aus.

Weg hier!

Schlagartig wird mir klar, wie dumm und gefährlich die Situation ist und gebe Maike ein Zeichen umzudrehen. Das ist aber einfacher gedacht als getan. Wo wir uns zuvor noch gegen den Wind lehnen konnten, kämpfen wir jetzt darum dass er uns nicht den Hang herunter weht. Ausserdem ist er mittlerweile beunruhigend stark und kommt auch unterhalb des Gipfels gefühlt aus jeder Richtung. Ohne Chance, sich auf die nächste Böe vorzubereiten, machen wir ständig Bekanntschaft mit dem harten vereisten Boden. Die Kälte kriecht langsam durch unsere spärlichen Klamotten und mir wird klar: Wir müssen sofort raus hier. Runter! Unter die Schneegrenze – und dann ins Tal – so schnell wie möglich.

Dann kommt hinter mir auch schon ein Ruf, vor dem ich Angst hatte:

„Ich kann nicht mehr!“

..ruft Maike und wirft dazu einige Schimpfwörter hinterher als sie wieder einmal (wie ich im selben Moment!) den Halt verliert.

Wir dürfen keine Pause machen!

Ich versuche meine Kameradin zu motivieren und rase los. Kurz kommt mir der Gedanke meine Jacke sowie den Rucksack als Schlitten umzufunktionieren…ein entsprechender Rutschtest geht allerdings nur knapp glimpflich aus und lässt mich selber fluchen. Scheißidee! Wenn wir uns nicht genug bewegen, kühlen wir zu sehr aus… was dann passiert, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Bei Kälte schaltet der Körper schnell auf Notmodus. Die Wärme wird ins Zentrum – aus Armen und Beinen heraus – geleitet, um die inneren Organe zu schützen. Der gefährliche Nebeneffekt: man wird müde. Verweilt man dann zu lange in der kalten Umgebung, hat man irgendwann keine Kraft mehr, selbst aus der Situation zu kommen. Und wer soll uns hier oben helfen? Maikes Handy ist ausgefallen, der Wind ist ausserdem schon zu stark. Bevor es allzu brenzlig wird will ich unbedingt mindestens auf Höhe der Schutzhöhe sein…am liebsten noch weiter unten in der Stadt.

Unterhalb der Schneegrenze zwischen zwei Hügeln lässt der Wind kurzzeitig nach und wir kommen schneller voran. Allerdings waren wir so darauf konzentriert bergab zu rennen, dass wir nicht mehr auf einen bekannten Weg stoßen.

Wo ist die Schutzhütte?

Nach reinem Bauchgefühl schlage ich eine Richtung ein… werde von Maike zurückgerufen. In der Richtung sei Norden, das ist falsch! Kurz bin ich irritiert und folge ihr in die andere Richtung… doch da ist auch Norden!?!
Nach kurzem Überlegen gehen wir wieder in die Richtung, in die ich zuerst wollte. Mir fallen meine blutigen Hände auf, die kaum die Karte halten können, aber das muss warten. Wenn ich richtig liege, müssten wir von Nord-Osten aus auf die Hütte zukommen… wir hatten sie heute Morgen Richtung Norden verlassen. Ich versuche mich selber zu motivieren und „tröste“ Maike mit einem optimistischen

„Ich bin mir sicher, hinter dem Hügel da liegt unsere Hütte!“

Wir ziehen nochmal das Tempo an und kämpfen uns zu unserem Leidwesen wieder bergauf… oben angekommen folgt der nächste Hügel… na gut, aber DAHINTER ist unsere Hütte!

Ich sollte Motivationscoach werden, was meint Ihr?? 😛

Aber tatsächlich: hinter dem nächsten Hügel taucht genau voraus eine Hütte auf! Egal ob unsere oder nicht – da will ich hin! Wir sind erleichtert, als wir unsere Feuerstelle erkennen und wissen, jetzt sind wir aus dem Gröbsten raus. Wir schnappen unser Zeug und machen uns ohne Pause auf den Weg nach Treveléz. Zwei Stunden unterhalb unseres Standortes. Und es dämmert bereits.

Auf dem Zahnfleisch runter ins Tal

Der Sturm hat uns fast eingeholt, der Wind nimmt wieder zu. Doch bald sind wir weit genug im Tal um geschützt zu sein. Dafür machen sich jetzt die Höhenmeter des Tages bemerkbar. Meine Knie (beide!) bringen mich bald um und auch bei Maike wird jeder weitere Schritt zur Qual. Lautstark betreibt sie „Psychohygiene“ – macht ihrem Ärger daher ein „wenig Luft“. Irgendwie finde ich das witzig und steige mit ein.

Die Dunkelheit ist schon längst eingebrochen und es fängt wieder an zu regnen. Es ist stockfinster und unsere Kopflampen leuchten den Weg nur geringfügig aus. Viel Potenzial für nicht-jugendfreie Fluch- und Schimpfattacken gehen die blöden Stein- und Geröllwege unter uns. Aber dann taucht Treveléz vor uns auf und wir haben es geschafft! Nach insgesamt 14 Stunden Marsch und 31km stehen wir wieder neben unserem Leihwagen und können uns ein erleichtertes Lachen nicht verkneifen. Aber wer zuletzt lacht… „Fertig“ sind wir noch lange nicht…

Alcazaba - überlebtAlcazaba – überlebt

In der Kneipe neben dem Parkplatz muss ich mich kurz setzen und was trinken. Mein Knie krampft, damit mag ich kein Auto fahren.
Nur langsam realisieren wir, dass unsere Aktion auch anders hätte ausgehen können. Doch richtig darüber nachdenken können wir nicht… denn schon werden wir von den Einheimischen angesprochen… wir könnten doch sicher Flamenco tanzen !????!??

Maike rast auf die „servicios“ und überlässt mich meinem Schicksal.. na schönen Dank du Ar***! 😛

„Filipe“ kommt auf mich zu und tratscht drauflos… woher wir denn kommen, was mir machen…Ah… Deutsche! Dann müssten wir ja wissen, wie man Flamenco tanzt?!?

Flamenco zum Abschied
– eine Stadt sagt „Adios!“

Ich schaue ihn entgeistert an und frage mich, ob er mich auf den Arm nehmen will. Dann schaue ich unauffällig an mir herunter.
Dreckig wie ein Schwein, voller blauer Flecken und Kratzer (die sieht mein Gegenüber gottseidank nicht alle), nach unserer „Heizung“ vom Vorabend riechend und mit noch immer blutigen Händen sitze ich müde vor dem Spanier und versuche ihm zu erklären, dass ich im derzeitigen Zustand KEIN Flamenco tanzen kann. Mit der kleinen Bemerkung, das sei ganz einfach, reist er mich vom Stuhl und zeigt mir die Schritte… ich füge mich meinem Schicksal und versuche nachzumachen, was er mir da vorhüpft.

Ich ernte Applaus… für den Versuch… danke, jetzt geht es mir erst richtig „gut“. Mit hochrotem Kopf lasse ich mich auf meinen Stuhl zurückfallen, da kommt Maike wieder. Sofort wendet sich Filipe an sie… will auch ihr die Schritte zeigen. Da ich gerade auch dadurch musste, bestehe ich ebenfalls auf die Tanzeinlage und kann mich vor Lachen kaum noch halten.
Maike „tanzt“ tapfer drauflos und erntet ein humorvolles

„Nina gut, du nicht“

… uns wird klar, dass wir gerade von allen Anwesenden auf die Schippe genommen werden und lächeln wohl etwas zu gequält. Als Wiedergutmachung übernimmt Filipe nicht nur die Rechnung über unsere Getränke, sondern spendiert eine kleine Stärkung in Form von Käse und Schinken. Hab ich also doch noch Schinken aus Treveléz bekommen! 😀

Wir machen uns so schnell wie möglich aus dem Staub, bedanken uns aber brav für Speis & Trank, sowie für die kleine Tanzstunde. Auf geht’s, ich will noch heute Abend das Meer sehen! 😛

 

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